EIN UNTERNEHMEN DER TELLUX-GRUPPE

Fritz-Gerlich-Preisverleihung 2013

01.07.2013

Der von der Tellux Beteiligungsgesellschaft mbH gestiftete Fritz-Gerlich-Preis ging dieses Jahr an die Regisseurin Haifaa Al-Manour für den Film „DAS MÄDCHEN WADJDA“ (Deutschland/Saudi-Arabien, 2012). Die Verleihung fand am 30.06.2013 in der Katholischen Akademie Bayern in München statt und die Laudatio hielt der Autor und Regisseur Hans Steinbichler („Winterreise“, „Hierankl“). Kardinal Reinhard Marx überreichte den Preis an die beiden deutschen Produzenten Roman Paul und Gerhard Meixner der Firma Razor Film GmbH/Berlin, die stellvertretend für die Regisseurin Haifaa Al-Manour die Urkunde entgegennahmen, da sie selbst nicht persönlich anwesend sein konnte. Nominiert waren Beiträge aus dem Programm des Münchner Filmfests 2013, die von einer Vorjury ausgewählt und an die Hauptjury zur Ermittlung des Preisträgers weitergegeben wurden.

Der Preis erinnert an den Münchener Publizisten Fritz Gerlich, der am 9. März 1933 verhaftet und in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1934 im KZ Dachau ermordet wurde. Gerlich hat als katholischer Christ aus Gewissensgründen schon früh mit beispielhaftem Mut die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten angeprangert und wurde nach deren Machtergreifung als einer der ersten Angehörigen des intellektuell und religiös geprägten Widerstands im KZ Dachau ermordet. Er war Chefredakteur der „Münchner Neueste Nachrichten“ (MNN) und später Herausgeber der Zeitschrift „Der gerade Weg“. Mit dem Preis soll laut Statut ein Filmschaffender ausgezeichnet werden, der sich wie Gerlich entschlossen und unbeirrbar für die Menschenwürde einsetzt und damit konsequent gegen Verfolgung, Ausgrenzung und Erniedrigung eintritt.

Wir bedanken uns bei den Jurymitgliedern, den Unterstützern und allen Mitwirkenden, die dazu beigetragen haben, dass diese Verleihung wieder ein großer Erfolg wurde!

Nominierte Filme:

The Invisible War, USA, Regie Kirby Dick

Das Mädchen Wadjda, Saudi Arabien, Regie Haaifa Al-Mansour

When night falls, China, Regie Ying Liang

Mitglieder der Vorjury:
Harald Hackenberg/Katholischen Filmwerk
Giti Hatef-Rossa/Filmkritikerin
Nil Varol/ Redaktion Kulturzeit 3sat/ZDF
Ralph Gladitz/Dokumentarfilmer
Daniel Lang/HFF,
Prof. Andreas Gruber/HFF
Maya Reichert/HFF

Mitglieder der Hauptjury:
Juryvorsitzender: Dr. Peter Hasenberg/Sekretariat DBK, Referat für Film und medienpolitische Grundsatzfragen
Dr. Anton Magnus Dorn/Top: Talente e.V.
Jörg Ihle/Filmakademie Ludwigsburg, Autor/Regisseur
Horst Peter Koll/Filmdienst
Günther van Endert/ZDF
Dr. Armin Wouters/Erzdiözese München und Freising

Begründung der Jury:

Der Film erzählt von einem elfjährigen Mädchen in Saudi-Arabien, das nur einen Wunsch hat: ein Fahrrad zu haben wie sein Freund Abdullah. Aber in einem Land, in dem es für Frauen noch enge Grenzen gibt, ist Fahrradfahren nicht erlaubt. Mit Einfallsreichtum und Beharrlichkeit sucht Wadjda nach Wegen, um ihren Traum zu verwirklichen.

„Das Mädchen Wadjda“ ist ein erstaunliches Projekt: Es ist der erste Langspielfilm, der im Königreich Saudi-Arabien gedreht wurde, in einem Land, in dem Kinos verboten sind. Und es ist der erste Spielfilm der 38-jährigen Regisseurin Haifaa Al-Mansour, die sensibel und authentisch den Alltag in einem Land einfängt, das in der Spannung von Tradition und Moderne lebt. Der Zuschauer erhält ein facettenreiches Bild vom Leben der Frauen, deren Möglichkeiten, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen und beruflich tätig zu sein, stark eingeschränkt sind. Das Bild der Gesellschaft ist frei von Klischees und sehr differenziert. So wird deutlich, dass es im Land selbst unterschiedliche Strömungen gibt. Während sich Wadjdas Mutter strengen religiösen Regeln unterwirft, arbeitet ihre Freundin in einem Krankenhaus, wo sie die Abaya trägt, aber mit Männern unverkrampft zusammenarbeitet. Wadjda steht durchaus zu ihrer Religion, gleichwohl kämpft sie für kleine Freiheiten – und dafür, als Person mit eigenen Wünschen und Träumen wahrgenommen zu werden. Das drückt sich vor allem auch in kleinen Gesten aus: etwa wenn sie an den Stammbaum ihres Vaters, der traditionsgemäß nur männliche Mitglieder verzeichnet, ihren eigenen Namen anheftet.

Das Engagement für die Anerkennung der Würde und Selbstbestimmung der Frauen artikuliert die Regisseurin nicht in Form einer Klage über eine aus ihrer Sicht unhaltbare Situation. Vielmehr durchzieht den Film eine überaus positive Grundstimmung heiterer Gelassenheit und Zuversicht. Dass der Film bei seinem kritischen Blick auf die Gesellschaft die leisen Töne bevorzugt, schadet der Wirkung nicht. Eher ist das Gegenteil der Fall: Das Plädoyer für eine sanfte Rebellion ist eher wirkungsvoller, weil es den Zuschauer stärker motiviert, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Die Hauptfigur Wadjda steht für einen Weg, der nicht den Konflikt, sondern den Ausgleich sucht, nach Möglichkeiten, Freiheitsstreben und Traditionsverbundenheit zu vereinbaren. „Es ist nicht wichtig, sich zu beklagen. Von Bedeutung ist es, zu hoffen, vorwärts zu schauen und einen Kon-sens zu finden“, hat die Regisseurin in einem Interview gesagt. Ihr Ziel ist es, mit Hilfe einer Figur wie Wadjda Mut zu machen, die eigenen Träume nicht aufzugeben.

Wadjda ist in dieser Hinsicht das Alter Ego der Regisseurin, die den bewundernswerten Mut gehabt hat, ihren Traum vom Filmemachen zu verwirklichen, auch wenn dies mit vielen persönlichen Schwierigkeiten verbunden war. „Das Mädchen Wadjda“ ist nicht nur ein Plädoyer für Mut und Toleranz, sondern auch erfüllt vom Glauben der Regisseurin an das Kino und an seine Notwendigkeit: die eigene Welt im Spiegel eines Films zu sehen. Sich mit ihr auseinanderzusetzen, kann bereichernd sein und vielleicht sogar Veränderungen bewirken.